Bremer Euromaydayaktion

mayday bremen 29.04.2010 21:10 Themen: Soziale Kämpfe
Rund 170 Leute haben in Bremen am 29. April kurzzeitig eine Leiharbeitsfirma in der Bremer Innenstadt besetzt. Das Bremer mayday-Bündnis hatte zu einer Kundgebung gegen Prekarisierung und Ausbeutung aufgerufen, in deren Anschluss dann die Besetzung stattfand.
Während bei der Kundgebung und auch in der öffentlichen Mobilisierung im Vorfeld der Fokus auf die Arbeitsbedingungen im Einzelhandel und die Bedingungen in den Textilfabriken auf der ganzen Welt gelegt wurde, ging es bei der anschließenden Aktion um Leiharbeit. Allein in der Bremer Innenstadt gibt es über 50 Leiharbeitsfirmen, der Anteil der LeiharbeiterInnen ist wesentlich höher als im Bundesdurchschnitt. Es gab u. a. Redebeiträge von der clean clothes campaign und dem Bremer Erwerbslosenverein.

Ein Arbeitgeber ist schon unangenehm genug, LeiharbeiterInnen sind gleich mit Zweien konfrontiert. Damit die Arbeit sich doppelt lohnt, sind die Löhne besonders niedrig, die Arbeitsbedingungen besonders mies. Die Jobcenter zwingen die Leute, trotzdem die miesen Leiharbeitsjob anzunehmen und drohen andernfalls mit Sanktionen. Die AktivistInnen forderten deshalb: Weg mit der Leiharbeit!

In den vergangenen Monaten hat das mayday-Bündnis gemeinsam mit dem Bremer Bündnis „Wir zahlen nicht für eure Krise“ mehrere Aktionen in und vor Schlecker XL-Filialen gemacht. Anfang März wurde die Bremer FDP-Zentrale vorübergehend besetzt. Bei den Aktionen gelang es, mit den Beschäftigten in Kontakt zu treten und sehr unterschiedliche Leute für eine entschlossene Aktionspraxis zu gewinnen. Auch heute waren die AktionsteilnehmerInnen wieder bunt gemischt.

Obwohl die Besetzung nicht öffentlich angekündigt war, ist das Vorhaben scheinbar durchgesickert. Die Leiharbeitsfirmen in der Bremer Innenstadt wurden morgens telefonisch über möglicherweise stattfindende Aktionen informiert. Das führte dazu, dass bestimmte Firmen den ganzen Tag niemanden ohne Kontrolle reingelassen haben. Durch kurzfristiges Umdisponieren konnte die Aktion aber dennoch stattfinden, was nicht zuletzt durch die gute Kommunikation im Vorfeld möglich war. So war auch die relativ zahlreich umherziehende Polizei kein Hindernis, da ja das Ziel einer „möglichen Aktion“ nicht bekannt war. Während die Kundgebung noch lief, kamen die BesetzerInnen so erfolgreich ans Ziel und die KundgebungsteilnehmerInnen nur wenige Minuten später auf den Platz vor dem Firmengebäude, wo schon ein riesiges Transparent, Klopapier und Konfetti aus dem Fester wehten. Es gab kostenlose Vokü, eine Samba-Gruppe spielte und viele Leute erzählten spontan am Mikrofon von ihren Erfahrungen in Leiharbeitsfirmen und anderen miesen Arbeitsverhältnissen.

Erste Presseberichte:
 http://www.weser-kurier.de/Artikel/Bremen/Politik/156036/Mayday-Buendnis+kritisiert+Bremer+Einzelhandel.html

 http://www.radiobremen.de/mediathek/index.html?id=028388
Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
Creative Commons-Lizenz lizenziert.
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen

Späher der Polizei

roger rabbit 30.04.2010 - 07:45
standen unter anderem:
untere Sögestr. (Bulli + Wanne)
insgesamt vier Uniformierte verteilt in der Sögestr.
ein Bulli am Karstadtparkhaus
eine Wanne Obernstr. Höhe H&M
zwei Uniformierte auf den Treppen vorm Rathaus/Richtung Liebfrauenkirchplatz
zwei weitere Uniformierte und 'nen Bulli vorm Violenstr.-Parkhaus (Domshof Richtung Buchte)
Die PolizistInnen wirkten extrem aufmerksam und ließen sich auch von Passanten, die sie anquatschten, nicht wirklich von ihrer Arbeit ablenken.

Und trotzdem habt ihr es geschaft!
Gratulation an die BesetzerInnen, ihr habt gerockt!

Rede zur Situation im Einzelhandel

Mayday-Aktivistin 30.04.2010 - 10:27
Hier kommt eine der Reden auf der ersten Kundgebung - bevor es dann zur Besetzung gegangen ist...

Es ist keineswegs Zufall, dass die diesjährige Euromayday-Aktion mitten in der Bremer Innenstadt beginnt – also dort, wo ständig gekauft bzw. verkauft wird: Denn die Welt des Einzelhandels zählt mit 2,5 Millionen Beschäftigten und 380 Milliarden Euro Umsatz zu den größten Branchen hierzulande. Hinzu kommt, dass sich der alltägliche Konsum nicht abgeschottet hinter Fabrikmauern vollzieht. Der Einzelhandel ist vielmehr mitten unter uns. Er ist ein allgemein zugänglicher Ort, als solcher bietet er die Chance, Druck auf konkrete Unternehmen auszuüben, insbesondere dadurch, dass Beschäftigte in ihren Kämpfen um Rechte von außen unterstützt werden - und das ist bitter notwendig...

Bereits seit langem liegt das Tarifeinkommen im Einzelhandel 20 Prozent unterhalb des generellen Durchschnittseinkommens, welches ebenfalls nicht sonderlich hoch ist. Ein Drittel der Beschäftigten verdient weniger als „7 Euro, 50“ die Stunde, zwölf Prozent sogar weniger als 5 Euro. Zugespitzt wird dies darüber hinaus durch Bespitzelung, immer größer werdenden Arbeitsdruck, Verdachtskündigungen, Mobbing oder Behinderung von Betriebsräten – das heißt all jene Schikanen, die vor allem von kik, Lidl & Co. bekannt sind, die aber in leicht abgewandelter Form auch bei allseits beliebten Unternehmen zur Normalität gehören, etwa bei H&M, wie wir in einem weiteren Redebeitrag gleich noch hören werden.

Besonders dramatisch ist, dass in den letzten Jahren sozialversicherungspflichtige Voll- und Teilzeitstellen massiv durch so genannte 400-Euro-Jobs verdrängt wurden. Allein in Bremen ist der Anteil von Mini-Jobs seit 2003 um 25 Prozent gestiegen, wobei der Einzelhandel zu den am stärksten betroffenen Branchen gehört. Konkret bedeutet dies, dass in vielen Einzelhandelsgeschäften nur noch das Leitungspersonal in Vollzeit tätig ist, während einfache bzw. schwere Tätigkeiten von billigen, flexiblen und gewerkschaftlich nicht-organisierten Mini-JobberInnen erledigt werden – immer häufiger auch von LeiharbeiterInnen. Dramatisch ist das deshalb – und vor allem darauf kommt es an -, weil viele Beschäftigte von ihrer Arbeit nicht mehr leben können. Sie sind stattdessen auf ergänzendes Hartz IV angewiesen, was mit weiteren Entwürdigungen einhergeht. Spätestens an dieser Stelle sei daher auch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Frauen besonders krass betroffen sind: Sie machen 80 Prozent der im Einzelhandel Beschäftigten aus, wobei sie – was kaum überraschen dürfte – in Leitungspositionen nur in Ausnahmefällen anzutreffen sind.

Wie ist es aber zu dieser Situation gekommen? Neben dem skandlösen Umstand, dass das Lohnniveau in so genannten Frauenberufen grundsätzlich niedriger ausfällt, ist der Einzelhandel vor allem von einem gnadenlosen Konkurrenz- und Verdrängungswettbewerb der großen Einzelhandelsunternehmen geprägt. Jeder will die Nase vorne haben, das ist meist mit Extra-Kosten verbunden und kann nur durch zusätzlichen Druck auf die eigenen Beschäftigten bzw. auf die Zuliefererindustrie und die dort Beschäftigen ausgeglichen werden. Beispielhaft seien die verlängerten Ladenöffnungszeiten erwähnt, welche zunächst einmal mit erhöhten Ausgaben für Spät-, Wochenend- oder Nachtzulagen einhergehen, oder, um ein weiteres Beispiel zu nennen, der in jedweder Hinsicht groteske Bau immer neuer Discounter-Märkte, welcher dazu geführt hat, dass im deutschen Lebensmittelhandel mittlerweile doppelt so viel Verkaufsfläche pro Einwohner zur Verfügung steht wie in Frankreich oder Großbritannien.

Erst vor diesem Hintergrund dürfte verständlich werden, welche fatale und von Anfang an beabsichtige Rolle die von der rot-grünen Bundesregierung gegen massiven Widerstand durchgedrückten Hartz-Reformen gespielt haben: Einerseits durch den Umstand, dass in den Hartz-Gesetzen I und II sowohl die Leiharbeit liberalisiert als auch die versicherungsfreien 400-Jobs ohne Lohnuntergrenze eingeführt wurden, andererseits darüber, dass es gelungen ist, mit Hilfe der drastisch abgesenkten Hartz-IV-Regelsätze sowie der verschärften Zumutbarkeitskriterien Erwerbslose gezielt in Mini-Jobs bzw. in die Leiharbeit reinzuzwingen.

Es bleibt die spannende und eigentlich herausfordernde Frage, was wir unter solchen Voraussetzungen tun können. Klar dürfte sein, es gibt kein Patentrezept, vielmehr sollten wir die Bereitschaft aufbringen, auf ganz verschiedenen Ebenen aktiv zu werden:

Zunächst einmal sollten wir immer gucken, ob und wie sich Beschäftigte selber zur Wehr setzen, denn Kämpfe um bessere Arbeitsbedingungen werden letztlich nur dann erfolgreich sein, wenn Beschäftigte und UnterstützerInnen gemeinsam an einem Strang ziehen – das haben die Proteste bei Schlecker gezeigt, durch die ja durchaus einiges in Bewegung gekommen ist. Ein in dieser Hinsicht wesentlicher Kampf sollte beispielsweise darin bestehen, Druck auf Einzelhandelsunternehmen aufzubauen, damit diese ihre Beschäftigten wieder gemäß Flächentarifvertrag bezahlen. Hintergrund ist, dass selbst namhafte Unternehmen wie Peek & Cloppenburg, Hornbach, C&A oder Tschibo es inzwischen vorziehen, eigene Wege zu gehen. Hinzu kommt, dass wir die Abschaffung sämtlicher Hartz-Gesetze fordern müssen – bei gleichzeitiger Einführung von Mindeslöhnen, einer verkürzten Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich sowie einem bedingungslosen Grundeinkommen für alle. Denn nur wenn Leute nicht erpressbar sind und zudem gewährleistet ist, dass zu bestimmten Arbeitsbedinungen überhaupt nicht gearbeitet werden darf, besteht so etwas wie Schutz vor Druck, Ausbeutung und Arbeitshetze.

Und doch: Dabei dürfen wir nicht stehen bleiben – denn klar ist, dass auf diese Weise bestimmte Dinge nicht wirklich ausgehebelt werden können, etwa der kapitalistische Irrsinn als solcher, dass Beschäftigte im Einzelhandel einzig deshalb miesesten Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind, weil sich die großen der Branche wechselseitig auszustechen versuchen – ohne dabei jedoch den Profit aus den Augen zu verlieren: Erwähnt sei nur, dass die Unternehmensgewinne im Einzelhandel in den letzten 10 Jahren um über 70 Prozent gestiegen sind. Klar sollte zudem sein, dass die immer wieder geforderte Stärkung der Massenkaufkraft ebenfalls auf Grenzen stößt. Denn auch wenn der Wohlstand hierzulande extrem ungleich verteilt ist, letztlich machen der Klimawandel sowie die globalen Ungleichheitsverhältnisse ein sehr viel tiefer greifendes Umsteuern erforderlich. Das Problem sozialer Ungerechtigkeit sollte mit anderen Worten nicht darüber gelöst werden, dass immer mehr Menschen in den Stand versetzt werden, im 6-Monats-Takt immer wieder die neuste Klamotten-Kollektion aus H&M, New Yorker & Co. herauszutragen. Vielmehr bedarf es in dieser Hinsicht einer ganz grundlegenden Verständigungen darüber, worin ein gutes Leben wirklich besteht.

Fragestellungen wie diese sollten allerdings nicht in Widerspruch zu konkreten Schritten im Hier & Jetzt geraten, deshalb sind wir heute in die Bremer Innenstadt gekommen und fordern faire Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten – ob im Einzelhandel oder in der globalen Zuliefererindustrie!!!

Bericht auf Webseite des Krisenbündnisses

Wir zahlen nicht für eure Krise 30.04.2010 - 10:30
Ein persönlicher Bericht inklusive Bilder befindet sich auf der Webseite des Bremer Bündnisses "Wir zahlen nicht für eure Krise":

 http://www.kapitalismuskrise.org/bremen/

lustige kleine Aktion in diesem Zusammenhang

Fruchtzwerg 01.05.2010 - 19:34
An diesem Tag fand in Bremen eine lustige kleine Aktion in diesem Zusammenhang statt. Dokumentation des Zettels dazu:
"Hallo Leute,
Stop Leiharbeit ist hier und heute eine von mehreren Parolen. Während wir nun hier stehen, wird ein paar 100m weiter hart gearbeitet: Bei der Zeitarbeitsfirma "runtime". Dort klingeln gerade ununterbrochen die Telefone, es ist dauernd besetzt, denn heute ist mal ein Job mit gutem Lohn im Angebot: 150€/Tag. Der Haken daran; Solche Jobs bieten die natürlich leider gar nicht an. Gute Bezahlung und arbeitnehmer*innenfreundliche Arbeitsbedingungen gibt es nie bei Leiharbeitsfirmen - egal, ob sie nun Runtime, Manpower oder Felser heissen. Lustige Leute haben sich erlaubt im Namen von Runtime in einigen Internet-Jobbörsen zu inserieren. Schließlich soll Runtime auch was vom Euromayday mitbekommen! Das ist nur ein Beispiel, wie sich mit etwas Phantasie und relativ wenig Aufwand etwas Sand ins Getriebe des Lohnarbeitstags streuen lässt. In diesem Sinn: Euch weiterhin viel Spaß und Runtime viel Ärger!!"

Bericjt und Bilder zur Aktion

Fruchtzwerg 01.05.2010 - 22:08
Bericht und Bilder zur Aktion auf der Seite des Mayday-Bündnisses:  http://mayday-bremen.de/

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Zeige den folgenden Kommentar an